Vorstandssitzungen

Digitalisierung in der Logistik: Herausforderungen in der internen Entscheidungsfindung

Es ist eine bewegte Zeit: Die Digitalisierung, neue Kundenbedürfnisse und die Corona-Pandemie fordern Logistikunternehmen heraus. Christian Drenthen – Vorstandsmitglied bei DB Schenker – gibt spannende Einblicke. Das Interview.

Christian Drenthen
Christian Drenthen
Christian Drenthen

Die Logistikbranche steht einigen Herausforderungen gegenüber: Die fortschreitende Digitalisierung und neue Anforderungen an den Informationsaustausch fordern den Sektor. Dazu kam die Anforderung, die Folgen von COVID-19 abzufedern – inklusive einer flächendeckenden Umstellung auf Remote-Working und virtuelle Meetings. Der weltweit agierende Logistik-Konzern DB Schenker zeigt sich alldem gewachsen: Eine effektive digitale Infrastruktur und der geschickte Einsatz neuer Tools ermöglichen es, auch in unsicheren Zeiten die Lieferkette aufrecht zu erhalten.

Digitale Transformation: Logistik steht noch am Anfang

Nichtsdestotrotz zeigen sich in der Logistik – einem von einer weltweiten Interdependenz geprägten und sehr granular strukturierten Sektor – noch Defizite bei der Digitalisierung. Sowohl auf Kundenseite als auch beim digitalen Task-Management mit Speditionen herrscht noch viel Potenzial. Neue Lösungen und gewinnbringende digitale Schnittstellen sind gefragt.

Darüber hinaus zeigen sich neue Anforderungen im Meeting Management : Die Umstellung auf eine vermehrte virtuelle Zusammenarbeit stellt neue Ansprüche und erfordert eine konzentrierte interne Abstimmung – inklusive der Implementierung neuer Software-Lösungen .

Herausforderungen zeigen sich vor allem im Teambuilding und bei der Führung auf Distanz: Einige Prozesse lassen sich digital umsetzen, wieder andere stellen die Logistikunternehmen vor Herausforderungen.

Im Interview spricht Christian Drenthen, Vorstandsmitglied für den Bereich Global Land Transport bei DB Schenker, über die aktuellen Herausforderungen der Branche, interne Lösungen von DB Schenker und (virtuelle) Meetings.

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Die Welt blickt auf die Gesundheitskrise. Welche Auswirkungen hatte COVID-19 auf den europäischen Transport- und Logistikmarkt? Was sind die aktuellen Herausforderungen?

Christian Drenthen: Zunächst einmal hat COVID-19 gezeigt, wie wichtig die Logistik in unserer modernen Gesellschaft ist. Wir können heute mit Stolz sagen, dass wir es mit all den Unsicherheiten aus den vergangenen zwölf Monaten sehr gut hinbekommen haben, den Warenfluss durch Europa und weltweit aufrechtzuerhalten – und das in einem zeitweise sehr störungsreichen Umfeld. 

Obwohl die Anzahl der Sendungen zu Beginn der Krise zurückging und alle Lieferanten mit Umsatzeinbußen zu kämpfen hatten, sehen wir jetzt, dass das Comeback der Volumina stark ist – und sogar viel stärker als die Erwartungen. Das gilt auch für die Kunden. Auch die Produktionsleistung beginnt wieder auf das Niveau vor der Pandemie zurückzukehren und liegt häufig sogar darüber. 

Wir haben sehr hart gearbeitet, um die Lieferketten während der Pandemie aufrechtzuerhalten. Und wir haben viel investiert, zum Beispiel in unsere „No-Touch-Signatur“, bei der Barcodes aus sicherer Distanz gescannt werden. Damit konnten wir auch unter Pandemie-Bedingungen sicher und verbindlich dokumentiert Waren ausliefern. 

Inzwischen hat sich die Lage stark verändert. Heute müssen wir sicherstellen, dass wir die große Anzahl von Sendungen und die daraus resultierenden sehr hohen Anforderungen an unser gesamtes Netzwerk erfolgreich bewältigen können. 

Es waren also interessante Zeiten und ich kann sagen, dass wir sie sehr gut überstanden haben. Sie haben die Bedeutung der Logistik hervorgehoben und ich denke, die Logistikbranche hat im Großen und Ganzen die Erwartungen erfüllt.

 

Neben physischen Prozessen ist die Logistik auch auf den Austausch von Informationen angewiesen. Wie lässt sich das Ihrer Meinung nach am effizientesten bewerkstelligen?

Christian Drenthen: Unsere Dienstleistungen sind natürlich entscheidend für das Funktionieren der Lieferketten unserer Kunden. Das beinhaltet nicht nur den physischen Prozess, sondern auch den Informations- und Datenaustausch.

 

In unserem Geschäft ist immer eine große Anzahl von Akteuren beteiligt. Sie alle sind wie Teile eines gigantischen Puzzles. Effiziente Logistik erfordert daher einen strukturierten, möglichst standardisierten und qualitativ hochwertigen Datenaustausch.

Christian Drenthen
Vorstandsmitglied der Schenker AG

 

Die Qualität dieser Massendaten ist der Schlüssel. Anders ist die Menge der zu verarbeitenden Informationen nicht zu bewältigen. 

Die Standardisierung von digitalen Informationen zu Sendungen und Ladungen ist ebenfalls entscheidend, damit wir einen effektiven Betrieb sicherstellen können. Deshalb ist es wichtig, dass wir zuverlässige, standardisierte digitale Verbindungen zu unseren Kunden aufbauen und pflegen, die wir in den letzten Jahren entwickelt haben. 

Bevor wir an diesem Punkt in der Beziehung zu einem Kunden ankommen, müssen wir Vertrauen aufbauen. Zunächst einmal müssen wir die Anforderungen des Kunden prüfen und in den Aufbau einer soliden Partnerschaft investieren, wozu natürlich auch reibungslose und gut funktionierende Datenübertragungen gehören.

Das funktioniert sowohl in einer digitalen als auch in einer nicht digitalen Realität. Der physische Kontakt mit dem Kunden ist digital nicht wirklich zu ersetzen. Wenn die Beziehung erst einmal etabliert ist, kann sie aber durch digitale Systeme effektiv unterstützt werden. Bei Schenker tun wir das für unsere Kunden mit digitalen Tools wie „eSchenker” und „Connect 4Land“ und in der Zusammenarbeit mit Transportunternehmen durch „Drive4Schenker“.

 

Die Digitalisierung verändert die Logistik. Von welchen technischen Entwicklungen versprechen Sie sich besonders viel? Wie kann die Logistik optimiert werden?

Christian Drenthen: Generell würde ich sagen, dass die Logistik höchstwahrscheinlich noch am Anfang der digitalen Transformation steht – es muss und kann noch viel getan werden. Die Logistik erfordert in Bezug auf die Digitalisierung im Grunde die Vernetzung der Akteure im Markt. Das heißt: Für unsere Kunden müssen wir ein wirklich reibungsloses digitales Buchungssystem bieten – von der Anfrage eines Angebots oder eines Kostenvoranschlags über den Transport der Ware bis hin zum Empfang. 

Genauso benötigen wir eine digitale Schnittstelle zu den Spediteuren, die als Auftragnehmer für uns fahren. Sie können dort einen Auftrag annehmen und dann auch im Anschluss alle Zahlungen darüber abwickeln. Das erste Tool heißt bei uns „Connect4Land“, wo Kunden komplett digital handeln können, das andere heißt „Drive4Schenker”. Dort verfügen wir heute über ungefähr 40.000 registrierte und zertifizierte Spediteure, die ebenfalls digital mit uns in Verbindung stehen. 

Wir müssen auch darauf achten, einen höheren Grad an physischer Automatisierung zu erreichen, um einem Fahrermangel begegnen zu können. Der Fahrermangel ist bereits Realität. Aber wenn man sich die Daten anschaut, könnte er sich in den nächsten Jahren sogar noch verschlimmern, weil viele Fahrer in den Ruhestand gehen werden und nicht genügend nachrücken werden. 

Wir müssen sicherstellen, dass wir hier Lösungen finden. Und schließlich – wenn man sich alternative Antriebe zum Verbrennungsmotor anschaut – sind auch neue Technologien mit Elektroenergie sowie Wasserstoff entscheidend, um zukünftige Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

 

Im DB-Schenker-Podcast sprechen Sie über positive Psychologie. Welche Rolle spielt diese bei der internen Führung und in Meetings?

Christian Drenthen: Wenn es um positive Psychologie geht, ist es sicherlich wichtig, dass die Menschen mehr auf die Chancen schauen, die durch Herausforderungen kommen. Dies ist besonders wichtig, wenn man sich die letzten 15 Monate anschaut, in denen die Gesellschaft, die Wirtschaft und im Grunde auch die Bevölkerung insgesamt herausgefordert waren. So waren die Unternehmen gefordert, dafür zu sorgen, dass die Waren trotz großer Störungen weiter fließen.

 

Was sehr wichtig ist, ist immer ein offenes Mindset zu bewahren – eine positive Einstellung, dass jede Herausforderung, die uns auf der anderen Seite des Spiegels begegnet, in Wirklichkeit eine Chance ist.

Christian Drenthen
Vorstandsmitglied der Schenker AG


Und wenn Sie es so sehen, werden Sie immer in der Lage sein, Lösungen für jede Herausforderung zu finden, der Sie begegnen. Das gilt in der Regel auch für interne Management-Meetings: Es gilt für Besprechungen mit Kunden, für Herausforderungen, denen man gegenübersteht, und es gilt ganz allgemein für Einzelpersonen, wenn sie einer Herausforderung begegnen.

 

Logistik ist geprägt von geografischen Distanzen. Welche Funktion haben virtuelle Meetings?

Christian Drenthen: Unsere Logistik ist global, also von Neuseeland bis in den asiatischen Raum, in den Mittleren Osten und nach Europa: Die virtuellen Meetings und die digitale Kommunikation haben durch die Pandemie einen enormen Schub bekommen. Und wir als Schenker haben zu bestimmten Zeiten in den letzten zwölf bis 15 Monaten bis zu 40.000 unserer Mitarbeiter – wir haben insgesamt 75.000 – digital von zu Hause aus arbeiten lassen. 

Wir hatten das Glück, dass es vom ersten Tag an sehr gut lief, weil unsere IT-Abteilung bereits weltweit die Implementierung von Microsoft-Teams ermöglicht hatte. Dies erlaubte uns, von einem Tag auf den anderen von einer physischen Präsenz zu einer virtuellen Präsenz überzugehen, was von großem Nutzen war. 

Wir arbeiten jetzt auch viel an Projekten zur Umsetzung von Veränderungen in alle möglichen Richtungen. Das bedeutet auch Veränderungsprogramme, die wir virtuell durchführen können. Ich denke, die größte Herausforderung ist es, Schulungen durchzuführen, bei denen einige Teile des Trainings vor Ort und andere virtuell sind. Man will auf jeden Fall auch physisch anwesend sein. Aber im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass unsere Arbeitsweise und die Tatsache, dass wir in der Lage waren, von einem Tag auf den anderen virtuell zu arbeiten, dies enorm beschleunigt hat.

 

Welche genauen Teile der Schulungen müssen vor Ort stattfinden? 

Christian Drenthen: Ich würde sagen, virtuell kann man bestimmte Teile davon machen. Aber am Ende des Tages ist es bei einer Teambuilding-Übung natürlich immer am effektivsten, wenn man physisch im Raum ist. Es ist schwieriger, virtuelles Einzeltraining zu machen, aber ich denke, im Großen und Ganzen kann man es auch virtuell absolvieren. Aber sobald mehr Leute zusammenkommen und es um das Kollektiv geht, wird es sehr viel schwieriger, das virtuell zu machen.

 

Haben Sie Erfahrung mit virtuellem Teambuilding oder wie managen Sie Teambuildings in diesen Zeiten?

Christian Drenthen: Natürlich ist Teambuilding virtuell eine Herausforderung, aber wir müssen es trotzdem versuchen. Wie das geht? Auf eine lustige Art und Weise am Ende oder am Anfang eines Meetings, wo ich Beispiele gesehen habe, wo Teams Bilder mitgebracht haben aus der Zeit, als sie 18 Jahre alt waren und dann wurden die Bilder auf dem Bildschirm geteilt. Und dann musste jeder raten, wer es ist. Es geht einfach darum, ein nettes zusätzliches Element einzubringen, um sich noch besser kennenzulernen.

 

Was erwarten Sie persönlich von einem Meeting, an dem Sie teilnehmen oder das Sie organisieren?

Christian Drenthen: 

  1. Ein pünktlicher Beginn und dass alle Teilnehmenden pünktlich anwesend sind. 
  2. Eine klare Agenda
  3. Dass alle gut vorbereitet sind und natürlich in der virtuellen Umgebung – wenn möglich – eine Kamera haben. So können wir auch einige der Gesichtsausdrücke sehen. 


Ich denke, eine der größten Herausforderungen bei virtuellen Meetings besteht darin, dass man die Mimik nicht sehen kann. Man bekommt kein Gefühl, ob die Zuhörer wirklich verstehen, was man sagt, oder ob sie vielleicht Kritik äußern wollen oder Inhalte anders sehen. 

Wenn diese Zuhörer sich also nicht zu Wort melden, verpassen Sie als Redner vielleicht einige der Dinge, die Sie in einer physischen Umgebung normalerweise mitbekommen würden. Und dann denke ich, dass wir bei virtuellen Meetings die Themen, die wir besprechen, so kurz wie möglich halten, damit die Leute während des Meetings aktiv bleiben.

 

Wie schaffen Sie es, dass sich alle Teilnehmenden eines Meetings einbringen und es gemeinsam zum Erfolg führen?

Christian Drenthen: Das hängt sehr stark von der Anzahl der Teilnehmenden ab. Also je kleiner die Gruppe ist, desto einfacher ist das, weil man dann nach jedem Thema wirklich eine Runde machen kann. Wenn man also mit, sagen wir mal, maximal zehn bis zwölf Leuten zusammen ist, wird es einfacher, dafür zu sorgen, dass alle mitmachen. 

In einer Gruppe, die über 20, 25 hinausgeht, gestaltet sich dies schwieriger, weil dann meistens nur die Leute mitmachen, die am stärksten auffallen. Dann wird es für den Moderierenden des Meetings schwieriger, dafür zu sorgen, dass alle Teilnehmenden zu Wort kommen. 

Es hängt also wirklich davon ab, wie groß das Meeting ist. Aber was sehr wichtig ist: Je kleiner das Team im Meeting ist, desto mehr Gelegenheit haben Sie, dafür zu sorgen, dass sich alle beteiligen. Sie können wirklich jedes Mal die Runde machen, wenn ein Thema diskutiert wird. So bekommt jeder die Chance, Schritte zu unternehmen, um seinen Beitrag einzubringen.

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Christian Drenthen
Christian Drenthen
Über den Autor
Christian Drenthen ist Vorstandsmitglied der DB Schenker. Der gebürtige Niederländer zeichnet sich für den Bereich Global Land Transport verantwortlich. Der diplomierte Logistiker ist seit 2015 für Schenker tätig und arbeitete zuvor für Unternehmen wie FedEx und Unilever.